Faszination Fantasyromane

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Ausblick

Pergament

– 7. Fortsetzung –

»Ich bin ein Bauer aus der Gegend um den Diamantenen See. Bitte tut mir nichts. Ich habe bisher noch keinem Menschen ein Haar gekrümmt.«

»Dein Name.«

»Ich heiße Morgen.«

»Woher wusstet ihr, dass wir diejenigen sind, die ihr töten solltet? Ihr kanntet uns doch nicht.«

»Wir sind dem Mann gefolgt, seit er von Seedorf aufbrach.« Er spuckte wieder Blut.

»Aber dann hättet ihr uns ja ganz leicht im Schlaf meucheln können!« Krauta schien verblüfft, wenn nicht sogar erschrocken.

»Nein. Wir sind erst heute morgen hier eingetroffen. Wir hatten einige Kilometer flussaufwärts gerastet. Wir kannten ja das Ziel.« Es war nur noch ein Krächzen und kaum noch zu verstehen. Er hustete wieder und schien dabei große Schmerzen zu haben. Blut quoll aus seinem Mund. In seinem Blick lag etwas Hilfloses, Flehendes.

Krauta schien es nicht zu bemerken. Sie fragte ungerührt weiter: »Woher kanntet ihr das Ziel? Rede schnell, bevor es zu spät für dich ist!«

Der Mann röchelte, bekam offenbar keine Luft mehr, versuchte verzweifelt zu atmen, bäumte sich noch einmal auf und regte sich dann nicht mehr.

Die Heilerin legte ihr Ohr auf seine Brust und horchte. Sie schüttelte den Kopf.

»Schade, ich hätte gern noch mehr von ihm erfahren, aber nun ist er hin.«

Der Kundschafter Bardo stand fassungslos dabei und wusste nicht, was er davon halten sollte, weder von der Abgebrühtheit Krautas noch von der ganzen Situation überhaupt. Man war ihm gefolgt. Man hatte gewusst, wo er hin wollte. Was bedeutete das alles?

Krauta richtete sich wieder auf und sah ihn an. »Ich glaube, wir sind in Schwierigkeiten. Hast du eine Ahnung, was das alles soll? Ich nämlich nicht.«

Bardo fühlte sich schuldig. »Ich weiß nichts. Nicht mehr, als was ich dir erzählt habe. Es tut mir leid, dass ich dich in Gefahr gebracht habe, aber ich habe keine Ahnung, was hier los ist. Wieso hat jemand Interesse daran, uns zu töten? Das ist doch absurd.«

»Es wird wohl einen Grund geben, aber den können wir hier nicht herausfinden. Wir sollten schnell zusehen, dass wir unsere Vorräte für die Reise zusammenbekommen und morgen in aller Frühe lospaddeln. Außerdem müssen wir auf der Hut sein; wer weiß, ob sich der dritte Schurke nicht doch noch hier herumtreibt.«

Den hatte Bardo ganz vergessen. Nun wurde ihm noch mulmiger zumute. Er schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um, während Krauta sich schon auf den Weg machte. Bardo folgte ihr nicht.

»Nun komm schon! Es nützt nichts, wenn wir hier blöd rumstehen und grübeln.«

»Wollen wir die Leichen hier einfach so liegen lassen?«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir haben doch nichts dabei, um sie zu begraben. Und den ganzen Weg schleppen können wir sie auch nicht. Aber ich werde jemanden herschicken, der sich darum kümmert. Und jetzt komm!«

Sie marschierten wieder los, schweigsam und wachsam.

3

Nach einer weiteren halben Stunde blieb Krauta an einer Wegkreuzung stehen.

»Bevor wir weitergehen, musst du mir etwas versprechen.«

Sie drehte sich zu ihm und sah ihm in die Augen. »Der Ort, an den wir gleich gelangen werden, ist – ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll – er ist sozusagen nicht bekannt. Und es muss auch so bleiben, deshalb musst du mir versprechen, dass du für dich behältst, wie man hierher gelangt und dass es diesen Ort überhaupt gibt. Bitte, es ist sehr wichtig. Wenn du dir nicht vollkommen sicher bist, sollte ich besser alleine gehen und du wartest hier.«

Bardo versprach, den Mund zu halten. Das war ja nicht schwierig. Schwieriger war derzeitig für ihn, damit fertig zu werden, dass er einen Menschen getötet hatte, wenn auch in Notwehr. Er hatte das Kriegshandwerk noch nie ausüben müssen; beim letzten Krieg war er noch zu jung gewesen, und daher hatte er eben auch noch keinen Menschen töten müssen. Zwar hatte er alles über das Kämpfen und Töten gelernt, war aber noch nie damit konfrontiert worden. Bis zu diesem Tag. Nun, einmal musste es ja wahrscheinlich sein, und er konnte nur versuchen, darüber hinwegzukommen. Die Heilerin hatte scheinbar mehr Erfahrung mit solchen Situationen. Sie war ja auch älter als er. Wie alt mochte sie sein? Sie hatte schon seinen Vater geheilt, vor zwölf Jahren, hatte damals also schon über die nötige Erfahrung verfügt, war vielleicht so um die dreißig Jahre gewesen. Dann wäre sie ja jetzt ungefähr zweiundvierzig – aber sie sah viel jünger aus. Er würde sie einfach fragen. Aber nicht jetzt, morgen, wenn sie unterwegs waren, vielleicht.

»Alles in Ordnung? Hey, träumst du?«

Der Bote und Kundschafter Bardo schaute sie verständnislos an.

»Was?«

»Ich sagte, wir wollen weitergehen. Dachte schon, du wärst aus heiterem Himmel taub geworden. Denkst du immer noch an die beiden Toten? Das geht aber nicht. Wir müssen uns jetzt auf unser Ziel konzentrieren, und das kennst du ja wohl noch, oder? Oder muss ich dir auf die Sprünge helfen?«

Sie sah ihn forschend an.

»Ich glaube, ich muss es dir tatsächlich erzählen. Hör genau zu!« Sie wurde lauter. »Wir wollen versuchen, die seltsame Krankheit zu bekämpfen, von der dein Dorf heimgesucht wird. Dazu müssen wir in den Silbernen Bergwald reisen und Marinda befragen. Wenn wir dies aber bewerkstelligen wollen, ist es wichtig, dass du dich endlich wieder fängst und auch zukünftig mit ähnlichen Geschichten besser klarkommst. Es ist ja schließlich nicht ausgeschlossen, dass man es auch weiterhin auf uns abgesehen hat, nein, es ist sogar ziemlich sicher. Das Ganze wird ja einen Grund haben, und ich fürchte, dass es mit der seltsamen Krankheit zusammenhängt, zumindest fällt mir im Moment nichts anderes ein.«

Er lächelte sie unsicher an. »Ich werde mich bessern. Ich verspreche es.«

Sie lächelte zurück, küsste ihn kurz auf den Mund, nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her. Sie verließen den Pfad und liefen jetzt eine Weile quer durch die Wildnis, bis sie an einen Bach kamen. Diesem folgten sie in Fließrichtung ein kurzes Stück, überquerten ihn an einer nicht so tiefen Stelle und standen plötzlich vor einer Felswand, die vorher wegen der dicht stehenden Bäume und Büsche nicht zu sehen gewesen war.

»Hier geht’s nicht weiter«, bemerkte Bardo.

Die Kräuterhexe reagierte nicht darauf; stattdessen verließ ein melodiöser Pfiff ihren Mund, er klang fast wie das Zwitschern eines Buchfinks. Dann blickte sie nach oben und schien auf etwas zu warten. Aber außer dem Raben, der sich wieder mit einem lauten Krächzen meldete – oder war es ein anderer? Bestimmt war es ein anderer, es konnte ja nicht immer derselbe sein – geschah erst mal nichts. Bis aus dem Grün oberhalb des Felsens eine Leiter heruntergelassen wurde.

»Warte bitte hier; ich steige erst mal allein hinauf.« Sie stieg erst mal allein hinauf. Kaum war sie oben, als die Leiter auch schon wieder hochgezogen wurde. Bardo wartete und dachte über die jüngsten Erlebnisse nach und über die seltsame Situation, in der er sich gerade befand. Er stand in einem Bergwald vor einer Felswand, wo wie von Geisterhand eine Leiter herunterkam, seine neue Bekannte nach oben ließ und sich dann wieder vom Acker machte. Es war alles so eigenartig. Wieso gab es hier einen unbekannten Ort? Und wozu? Wer lebte hier? Bald würde er Antworten auf diese Fragen bekommen, wenn sie ihn auch hinauf ließen. Wenn sie ihn ließen . . .

Es vergingen zehn Minuten, dann wurde die Leiter erneut herunter gelassen. Er verstand das als Aufforderung, sie zu benutzen, und stieg ebenfalls hinauf. Es ging viel höher, als er erwartet hatte. Da, wo die Leiter im Gestrüpp verschwand, war erst die Hälfte des Aufstiegs geschafft.

Oben angekommen, halfen ihm zwei kräftige Hände über die Felskante, obwohl er es auch alleine geschafft hätte. Der Mann, dem die Hände gehörten, war nicht besonders groß, eigentlich sogar ziemlich klein, wirkte aber stämmig und muskulös. Seine strohfarbenen Haare fielen ihm auf die Schultern und sein voller Bart bedeckte fast sein ganzes Gesicht. Das schwarz Wams konnte das Kettenhemd nicht ganz verbergen, sollte es wahrscheinlich auch nicht. Auf dem Rücken trug er eine Axt. Eine riesige Axt.

»Willkommen, fremder Mann aus Seedorf am Diamantenen See, in unserem bescheidenen Nest. Krauta sagte mir, dass ihr Wegzehrung braucht. Sie ist schon vorgegangen. Leider darf ich meinen Posten hier nicht verlassen, aber wenn du diesem Weg folgst und an der Kreuzung rechts abbiegst, kannst du unseren Proviantladen nicht verfehlen.«

»Danke«, sagte Bardo und reichte dem kleinen Mann die Hand, »ich heiße Bardo. Darf ich fragen, wo ich hier bin?«

»Verzeihung, ich vergaß ganz, mich vorzustellen. Das kommt, weil wir hier so selten Besuch haben, da verlernt man, sich anständig zu benehmen. Ich bin Thoram.« Der Mann hatte eine außergewöhnlich tiefe, raue Stimme, was Bardo erst jetzt auffiel.

»Du willst wissen, wo du hier bist. Na ja, das ist in zwei Sätzen nicht zu erklären. Wenn mir mal mehr Zeit haben und ich dich besser kenne, erzähl ich es dir gerne bei einem Becher Schwarzbier. Aber Krauta ließ durchblicken, dass ihr in Eile seid. Darum ist es wohl besser, wenn du ihr beim Einkaufen behilflich bist.«

Bardo hatte den Eindruck, dass der Mann ihm zwar einerseits freundlich gesonnen schien, aber andererseits der Meinung war, dass er nicht alles zu wissen brauchte. Aber das war nur zu verständlich; wenn man bedachte, dass dieser Ort ein unbekannter Ort war und es auch bleiben sollte, war es schon verwunderlich genug, dass sie ihm überhaupt den Zugang erlaubt hatten. Krauta musste hier wohl sehr viel Vertrauen genießen, da es ihr offenbar gelungen war, die Bedenken der Bewohner oder zumindest derjenigen, die zu entscheiden hatten, zu zerstreuen.

Der Weg führte ungefähr fünfzig Schritte bergan, an beiden Seiten von dichtem Buschwerk gesäumt, bevor es dann bergab weiterging. Oben auf der Kuppe angekommen, bot sich Bardo ein Bild, wie er es bei aller Fantasie nicht erwartet hatte. Eingebettet in einem langgestreckten Tal lag vor ihm ein großes Dorf, fast schon eine kleine Stadt, in der Mitte geteilt durch einen Bach, aber verbunden durch mehrere Brücken. Im Gegensatz zu einer richtigen Stadt gab es allerdings keine Steinhäuser, sondern ausschließlich einfache Holzhäuser, und die Straßen waren nicht gepflastert.

Auf dem Weg ins Zentrum begegneten ihm ein paar Leute: Männer, Frauen und auch Kinder. Manche musterten ihn verstohlen. Er grüßte freundlich, achtete aber nicht weiter auf sie, sonst wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es nicht alles Menschen waren, die ihm da über den Weg liefen.

An der ersten Kreuzung bog er nach rechts ab und erblickte bald vor einem großen Gebäude Krauta, die sich mit einem langen dünnen Mann unterhielt. Als er näher trat, entpuppte sich die Unterhaltung allerdings als eine harte Preisverhandlung. Sie hatte die Waren, die sie kaufen wollte, schon zusammengesammelt, war aber augenscheinlich nicht bereit, den Preis zu zahlen, den der lange dünne Mann verlangte. Genauer betrachtet war dieser eher schlank als dünn, wirkte trotz seiner filigranen Figur kräftig. Er sprach einen starken Akzent, wie ihn Bardo noch nie gehört hatte, und die lange Spitze eines Ohres stahl sich durch die langen blonden Haare.

Bardo schluckte. Der Mann musste ein Sierg sein. Ein Exemplar dieses Volkes hatte er zwar noch nie gesehen, aber diese spitzen Ohren waren ein eindeutiges Merkmal. Doch wie kam Krauta dazu, sich mit so einem abzugeben? Gab es denn hier keine anderen Händler? Diesen Siergen war doch nicht zu trauen. Das wusste doch jeder. Wie kam der überhaupt hierher? War es diesen eingebildeten und angeblich ewig lebenden Kreaturen eigentlich erlaubt, sich in Tolerland aufzuhalten? Aber darüber konnte er später noch mit Krauta sprechen; jetzt war es in der Tat erst mal wichtig, die Vorräte zu kaufen, damit sie gut gewappnet am nächsten Morgen aufbrechen konnten.

...

In diesem seltsamen verbotenen Dorf mochte es vielleicht nicht alles geben, was ein Dorf normalerweise ausmachte, aber es gab eine Schenke. In dieser saßen Krauta und Bardo, um sich für den Rückweg zu stärken. Sie aßen gegrilltes Schweinefleisch mit hellem Brot, dazu tranken sie Schwarzbier. Obwohl es ihm gut mundete, fühlte Bardo sich nicht wohl. Er wusste nicht so recht, wo er hier eigentlich gelandet war. Inzwischen hatte er sich den einen oder anderen Bewohner genauer angeschaut und festgestellt, dass sehr viele Siergen darunter zu sein schienen. Ein großer Teil bestand auch aus Menschen, durchaus. Aber es gab noch eine dritte Gruppe. Sie sahen aus wie sehr kleine, stämmige, untersetze Menschen mit langen Bärten. Bardo hatte die Vermutung, dass es sich um Zwerge handeln könnte, aber sicher war er sich nicht. Denn auch mit Zwergen hatte er bisher noch nichts zu tun gehabt. Sie waren in Tolerland genauso selten wie Siergen.

– Fortsetzung –