Faszination Fantasyromane

Pergament

– 5. Fortsetzung –

Sie schaute ihn lange ernst an und schien sich ihre Antwort gut zu überlegen.

»Ich habe einige Anhaltspunkte gefunden; es scheint eine sehr seltene Krankheit zu sein. Um herauszufinden, wie man sie bekämpft, muss ich eine Reise machen.«

»Eine Reise? Wohin?«

»Zu einer Berufskollegin von mir. Sie wohnt fünf Tagesreisen östlich von hier jenseits der Grenze im Silbernen Bergwald. Hoffentlich lebt sie noch, sie muss mittlerweile an die hundert Jahre alt sein. Entsprechend groß ist ihre Erfahrung. Ich hoffe, dass sie uns weiterhelfen kann.«

»Aber das dauert doch zu lange!« rief er verzweifelt, »bis du wieder da bist, sind bestimmt schon weitere Tote zu beklagen!«

Krauta dachte einen Moment nach. »Wie weit ist es bis zu deinem Dorf?«

»Drei Tage, einen Tag mit dem Boot im Fluss, zwei Tage zu Fuß; wenn man reitet, geht es schneller.«

»Das heißt, wenn ich mit dir mitkomme und mir die Kranken ansehe, verlieren wir zusätzlich sechs Tage. Möchtest du das?«

»Aber vielleicht kannst du ja doch helfen. Möglicherweise fällt dir irgend etwas ein, wenn du die Kranken siehst.«

»Nein«, sagte sie bestimmt, »ohne den Rat Marindas kann ich euch nicht helfen. Es tut mir leid.«

Er sah ein, dass er sie nicht umstimmen konnte.

»Wann wirst du aufbrechen?«

»Gleich morgen früh.«

»Warum nicht schon heute? Was spricht dagegen?«

Kurz verhärteten sich ihre Gesichtszüge. Dann sah sie ihn nachsichtig an. »Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich mich ein wenig auf die Reise vorbereiten. Außerdem muss ich Proviant besorgen. Vor morgen früh geht es nicht.«

»Ohne Hilfe zu bringen, brauche ich mich in Seedorf nicht blicken zu lassen. Darf ich dich begleiten?«

»Ich werde es dir nicht verbieten. Es ist immer gut, einen Beschützer bei sich zu haben.« Sie lächelte ihn an. Er glaubte, in ihren Augen wieder ein Verlangen zu erkennen. Er hatte richtig erkannt. Minuten später fanden sie sich in ihrem Bett wieder . . .

»Kommt, wir nehmen jetzt ein Bad!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus. Am hinteren Ende der Terrasse führte ein schmaler Pfad in den Wald hinein, den Bardo bis dahin noch gar nicht wahrgenommen hatte. Nach wenigen Schritten verließen sie den Pfad. Es ging ein paar Steinstufen hinab, bis sie am Ufer eines kleinen Waldsees standen. Ohne zu zögern sprang sie ins kühle Nass, Bardo folgte ihr. Eine Weile planschten sie ausgelassen im Wasser herum, bis es ihnen dann doch zu kalt wurde. Sie gingen ins Haus, zogen ihre Kleider an und setzten sich an den Tisch, um die Einzelheiten der Reise zu besprechen. Doch vorher hatte Bardo noch einige Fragen an Krauta, die ihm keine Ruhe ließen.

»Wie kommt es, dass du so abgelegen wohnst? In einem Dorf oder einer Stadt hättest du doch viel mehr Kundschaft. Wahrscheinlich wärst du längst steinreich. Außerdem ist es doch gefährlich, so ganz allein mitten im Wald zu leben. Und einsam dazu.«

»Einsam würde ich mich eher in der Stadt fühlen, wo man mir doch nur Neid, Missgunst und Misstrauen entgegenbringen würde. Immerhin bin ich eine Hexe, vergiss das nicht. Und Hexen landen für gewöhnlich irgendwann auf dem Scheiterhaufen, wenn sie sich innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft aufhalten. Ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, aber verbrannt werden möchte ich doch noch nicht.

Aber nun mal etwas anderes. Wie ist das Leben im Dorf so unter König Bracc? Kann man es aushalten? Ich bekomme hier in der Wildnis nicht so viel davon mit.«

Bardo zögerte mit der Antwort. Konnte er Krauta vertrauen? Immerhin bezeichnete sie sich selbst als Hexe. Andererseits hatte sie eine gewisse Abneigung gegen Bracc bereits durchklingen lassen. Er beschloss, offen zu sein. »Nun«, begann er, »er regiert jetzt schon fast zehn Jahre, und man hat sich an die Verhältnisse gewöhnt. Wenn man schön den Mund hält und nicht schlecht über den König redet, hat man nichts zu befürchten. Und man muss darauf achten, dass man immer genug Gold im Haus hat, falls der Steuereintreiber kommt. Das fällt vielen Menschen verdammt schwer, denn die Steuern sind ein wenig hoch, wie ich finde.«

Krauta war etwas irritiert. Sein Urteil fiel ihr ein wenig zu mild aus. Ihrer Kenntnis nach wurde das Volk unterdrückt, bespitzelt und bis aufs Blut ausgesaugt. Wer in Verdacht geriet, nicht uneingeschränkt auf der Seite von Bracc zu sein, wurde verhaftet, eingesperrt, gefoltert und Schlimmeres. Nun, vielleicht war Bardo auch nur vorsichtig ihr gegenüber, schließlich kannten sie sich erst seit gestern.

»Womit verdienst du denn deinen Lebensunterhalt?« wollte sie wissen.

»Ich bin Kundschafter und Bote von Seedorf. Wenn die Zeiten so friedlich sind wie jetzt, mehr Bote. Deswegen haben sie mich auch zu dir geschickt.«

»Wenn du Kundschafter deines Dorfes bist, bist du ja, da alle Dörfer dem König unterstellt sind, ein Soldat des Königs, genau betrachtet. Oder nicht?«

»Nicht ganz. Mein Dienstherr ist der Dorfälteste, und meinen Sold bekomme ich aus der Dorfkasse. So gesehen sind wir einigermaßen unabhängig. Im Falle eines Krieges oder einer Bedrohung allerdings gehören wir automatisch zur Armee des Königs, das ist wahr. Ich hoffe, dass es nie so weit kommt.«

Es war verständlich, dass er sich nicht all zu negativ äußern konnte, wenn er quasi dazu gehörte. Sie wechselte das Thema.

»Wir müssen uns eine Reiseroute überlegen. Wollen wir zunächst den Fluss nehmen oder von Anfang an zu Fuß über die Berge kraxeln?«

»Ich denke, dass wir auf dem Fluss schneller vorankommen würden, allerdings wird mein Kanu zu klein sein für uns beide plus Proviant.«

»Keine Sorge, mein Kanu ist groß genug. Du kannst ja deins so lange hier lassen, dann brauchen wir nicht zwei mitzuschleppen. Ich schlage vor, dass wir heute Proviant einkaufen gehen und morgen bei Sonnenaufgang lospaddeln.«

»Halte mich bitte nicht für dämlich, aber wo bei den Göttern kauft man denn hier in der Wildnis ein?«

Sie schmunzelte vergnügt. »Du wirst dich wundern, wie zentral ich wohne. Ich zieh mich nur um, dann können wir schon losmarschieren.« Sprach’s und wühlte in einer Truhe herum, bis sie fündig geworden war. Sie streifte ihr weißes Leinenkleid ab und einen braunen Lederanzug über, bestehend aus Hose, Hemd, Wams und Überwurf. Es stand ihr recht gut, wie Bardo fand. Dann wanderten sie los, Krauta vorneweg und Bardo hinterher. Zunächst ging es eine ganze Weile auf dem Pfad hinter der Terrasse in den Wald hinein. Nach etwa einer halben Stunde wurde der Weg allmählich immer unwegsamer, bis er sich schließlich fast völlig verlor. Krauta schien das nicht zu stören, sie marschierte munter weiter und schien auch keine Schwierigkeiten zu haben, sich zu orientieren. Plötzlich blieb sie abrupt stehen, so dass Bardo fast auf sie geprallt wäre.

»Was ist los?« fragte er.

»Ich muss erst feststellen, ob die Luft rein ist«, antwortete sie, »warte hier! Und sei leise!«

Sie ging langsam vorwärts und wurde bald vom Wald verschluckt. Bardo wunderte sich, dass er sie nicht hören konnte, kein Zweig knackte, kein Laub raschelte – wie machte sie das nur? Er selber verstand als Kundschafter auch etwas vom Schleichen; das wurde regelmäßig geübt. Aber Krauta war ja ganz normal weitergegangen.

– hier geht's weiter ... –

Rabe