Faszination Fantasyromane

Pergament

– 6. Fortsetzung –

Nach einer Weile hörte er doch ein Geräusch, aber es kam nicht von vorne, sondern von hinten, und zwar aus unmittelbarer Nähe, was ihn beunruhigte. Er spannte sämtliche Muskeln seines Körpers, wirbelte herum und sprang gleichzeitig zur Seite. Das rettete ihm das Leben, denn dort, wo er eben noch gestanden hatte, sauste eine Axt senkrecht durch die Luft und hätte ihm seinen Kopf wohl in zwei Hälften geteilt. Bardo hatte keine Zeit, den Göttern für sein gutes Gehör zu danken, denn die Axt wurde schon wieder geschwungen. Er konzentrierte sich voll darauf, um im richtigen Moment zurückzuweichen. Gleichzeitig griff er nach seinem Dolch, bedauernd, dass er seinen Bogen nicht dabei hatte, was vollkommen blödsinnig war, da der ihm in dieser Situation ja gar nichts genützt hätte. Als sich der Axtkopf mit voller Wucht waagerecht seinem Hals näherte, duckte er sich, gerade noch rechtzeitig. Es war so knapp, dass er den Luftzug auf dem Kopf spürte. Bevor der unbekannte Axtschwinger zum nächsten Schlag ausholen konnte, rammte ihm Bardo mit aller Kraft den Dolch in die Seite, zog ihn wieder heraus und stach erneut zu, dann noch einmal, bis der Fremde einen verdutzten Gesichtsausdruck bekam und lautlos zusammensackte, an mehreren Stellen blutend.

Bardo schaute ungläubig auf den leblosen Körper hinab und wunderte sich über sich selber, denn dies war das erste Mal gewesen, dass er um sein Leben kämpfen musste. Jetzt war er seinen Ausbildern für das jahrelange knallharte Nahkampftraining dankbar, welches er so oft verflucht hatte. Allerdings war es auch das erste Mal, dass er einen Menschen getötet hatte. Als ihm das klar wurde, bekam er plötzlich weiche Knie und musste sich hinsetzen. Ich habe einen Menschen umgebracht. Aber was hätte ich denn machen sollen? Er hat mich doch angegriffen.. Hätte ich mich töten lassen sollen? Vielleicht hätte ich ihn so überwältigen können, ohne gleich zum Messer zu greifen.

Er saß eine ganze Weile da, den Kopf in die Hände gestützt, während seine Gedanken Purzelbäume schlugen und nicht zu bändigen waren. Hatte er sich richtig verhalten oder nicht? Warum war er überfallen worden? Wieso wollte jemand seinen Tod? Oder hatte man es nur auf seine Habseligkeiten abgesehen? Und wo blieb Krauta? Sie musste doch längst wieder zurück sein. Da stimmte doch etwas nicht.

War da wieder ein Geräusch? Er meinte, Schritte zu hören, nicht die leichten, kaum hörbaren von Krauta, sondern schwere Schritte, und so ein Schleifgeräusch, als würde jemand einen Gegenstand hinter sich her ziehen. Ihm wurde bewusst, dass er mitten auf dem Weg saß, auch wenn dieser den Namen nicht verdiente, und kroch hastig seitlich in die Büsche. Seine Finger umklammerten den Dolch, den er noch immer in der Hand hielt, fester. Dann sah er sie. Es war doch Krauta, sie zog einen menschlichen Körper hinter sich her. Bardo atmete auf und trat aus dem Gebüsch.

Krauta ließ ihre Last fallen und zückte reflexartig ihr Messer, erkannte aber noch rechtzeitig, dass es sich um Bardo handelte.

»Ich bin überfallen worden!« rief Bardo aufgeregt.

»Nicht so laut!« zischte die Heilerin, »oder willst du noch mehr von dem Gesindel anlocken?«

In den Baumwipfeln krächzte ein Rabenvogel. Krauta schaute kurz hoch und blickte dann auf die beiden Körper zu ihren Füßen.

»Ich habe einen Menschen umgebracht!« Bardo Stimme zitterte.

Die Kräuterhexe beachtete ihn nicht und hockte sich nieder, um die beiden in grober Bauernkleidung gewandeten Männer zu untersuchen. Sie durchwühlte auch die Gürteltaschen, fand aber nichts von Belang.

»Nein«, sagte sie und stand auf.

»Wie nein«. Bardo wusste nicht, was sie meinte.

»Nein. Du hast niemanden umgebracht. Ich habe einen Menschen getötet. Deiner lebt noch.«

Bardo hörte gar nicht richtig zu. »Er hatte eine Axt. Ich musste mich doch verteidigen.«

»Jetzt reiß dich aber zusammen!« Krauta sprach lauter, als sie eigentlich wollte, packte ihn mit beiden Händen an den Schultern und schüttelte ihn heftig.

»Erstens hast du ihn nicht getötet, zweitens war es richtig, ihn niederzustechen. Du hast nur dein Leben verteidigt.«

»Er lebt noch?«

»Ja. Allerdings weiß ich nicht, wie lange noch. Aber ich hoffe, dass er zumindest noch einmal zu sich kommt, damit wir ihn fragen können, warum er und sein Kumpan uns töten wollten, denn das wollten sie offensichtlich. Wir müssen warten.«

Sie setzte sich am Wegesrand auf ihren Hintern und schaute unverwandt auf den von Bardo niedergestreckten Mann, der schon viel Blut verloren hatte. Bardo fiel nichts Besseres ein, als sich zu ihr zu setzen.

»Sollten wir nicht seine Wunden versorgen?« fragte er sie nach einer Weile.

»Nein. Er hat sich seinen Zustand selbst zuzuschreiben und kann froh sein, dass wir ihm nicht den Gnadenstoß versetzen. Außerdem habe ich nichts dabei, um ihn zu behandeln. Wenn die Götter es wollen, dass er überlebt, werden sie es so einrichten.«

Die Mitte des Tages war schon fast erreicht, als der Mann sich endlich bewegte. Krauta ging zu ihm hinüber, kniete neben ihm, riss mit der Linken seinen Kopf an den Haaren in den Nacken und hielt mit der Rechten ihr Messer an seine Kehle.

Sie sprach ganz leise zu ihm, fast flüsternd, so wie Liebende, die Heimlichkeiten austauschen. »Sprich! Wer seid ihr und warum habt ihr uns überfallen? Aber sage die Wahrheit, denn ich bin Krauta, die Hexe, und erkenne Lügen sofort. Und dann ist es aus mit dir. Dieses Messer habe ich gestern erst geschärft. Also erzähle!«

Der Mann riss angstvoll die Augen auf. »Wenn Ihr eine Hexe seid, werdet Ihr mich dann heilen, wenn ich rede?« Seine Stimme klang schwach und heiser.

»An deiner Stelle würde ich es andersherum betrachten: Wenn du nicht redest, schneide ich dir die Kehle durch, und das ist sicher. Also nun mach schon, ich höre.«

Der Rabenvogel meldete sich wieder mit einem kräftigen krock, krock.

Der Verletzte hustete, spuckte dabei Blut und begann zu reden.

»Wir hatten den Auftrag, Euch und Euren Begleiter zu töten.«

»Warum?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wer ist euer Auftraggeber?«

»Ich kenn ihn nicht.«

Krauta drückte die Klinge ein wenig stärker in seine Kehle. Blut sickerte darunter hervor. In den Augen des verhinderten Meuchlers stand Panik geschrieben.

»Aber ich kenne ihn wirklich nicht. Wir erhielten unsere Anweisungen auf Schriftrollen durch einen Boten.«

»Und den Boten kennst du sicherlich auch nicht.« Krautas Stimme klang fast sanft.

»Nein.« Der Schurke schien Hoffnung zu schöpfen.

»Wie sah er denn aus?«

»Sein Gesicht war immer verhüllt. Er hatte einfache Kleidung an, aber darunter trug er glaube ich eine Rüstung.« Er stöhnte, seine Verletzungen machten ihm zu schaffen.

Bardo hatte das Gefühl, dass der Mann die Wahrheit sprach. Offenbar glaubte dieser Krautas Hinweis, dass sie Lügen sofort erkennen würde. Wenn das aber stimmte, was er sagte, trachtete ihnen jemand nach dem Leben. Aber wer? Warum? Ihm wurde plötzlich heiß. Furcht machte sich in ihm breit, keine konkrete, sondern mehr eine allgemeine, unbestimmte, aber alles umfassende Furcht.

Unterdessen setzte Krauta ihre Befragung fort: »Gibt es noch mehr außer euch beiden?«

»Nein.«

»Du lügst.« Auf einmal klang ihre Stimme eiskalt, und sie verstärkte den Druck des Messers wieder, den sie zuvor etwas gelockert hatte.

Das überzeugte den Mann davon, dass sie tatsächlich in der Lage war, eine Lüge zu erkennen, und beeilte sich, soweit es sein Zustand erlaubte, mit der richtigen Antwort.

»Drei«, krächzte er mit immer brüchiger werdender Stimme, »wir waren zu dritt.«

»Und wo ist der Dritte?«

»Ich weiß nicht, er war auf einmal weg. Vielleicht hat er Angst bekommen oder Skrupel. Aber das wird er mit dem Leben bezahlen.«

»Warum?«

»So stand es auf der Schriftrolle. Wer die Befehle nicht befolgt, muss sterben.«

»Und jetzt zu dir. Wer bist du?«

– hier geht's weiter ... –

Rabe